Theater Gutmacher spielt Wedekinds “Fr├╝hlings Erwachen” im Romanischen Keller

Ende 2004 bewarb ich mich bei der Heidelberger Theatergruppe ‘Gutmacher’ f├╝r die Rolle des konservativen Vaters von Melchior in der neuesten Inszenierung von Wedekinds ‘Fr├╝hlings Erwachen’.

Obwohl es sich um eine kleinere Rolle handelte, hatten wir ├╝ber mehrere Monate hinweg intensive Proben. Die Arbeit war aufregend und m├╝ndete schlie├člich in zehn gelungenen Auff├╝hrungen im Februar 2005.

Aufgrund des gro├čen Erfolgs haben wir das St├╝ck im Herbst 2005 erneut im Romanischen Keller in Heidelberg aufgef├╝hrt.

Artikel von Carmen B├╝rk, erschienen als Pressemitteilung der Uni Heidelberg:

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Der Tod gibt sich verf├╝hrerisch: “Wir wissen, dass es alles Dummheit ist, was die Menschen tun und erstreben, und wir lachen dar├╝ber. Wir sind mit uns zufrieden.” Das behauptet der Geist von dem Sch├╝ler Moritz Stiefel, der mit dem Leben nicht klar kam und sich in den Wirrungen der Pubert├Ąt den Kopf wegschoss. Jetzt, im wehenden Leichentuch und mit dem Kopf unterm Arm, will er seinen besten Freund, Melchior, mit ins Grab ziehen. Dieser f├╝hlt sich am Tod der 14-j├Ąhrigen, schwangeren Wendla schuldig, die durch eine von der Mutter veranlasste Abtreibung gestorben ist. Hin- und hergerissen zwischen seinen Gef├╝hlen kann nur eine vermummte, lebensfrohe Frau den Pakt mit dem Tod in letzter Sekunde verhindern.

Diese Szene auf dem Friedhof ist die beeindruckendste von Frank Wedekinds Kindertrag├Âdie “Fr├╝hlings Erwachen” beim Theater Gutmacher im Romanischen Keller. Matthias Paul l├Ąsst mit wenigen, aber eindringlichen Mitteln und einer gro├čen Liebe zum Detail die Episoden dieser jugendlichen Neugier und Verzweiflung aufflackern wie die Flammen der Feuerzeuge, in deren Schein Moritz und Melchior ├╝ber Schamgef├╝hl und “m├Ąnnliche Regungen” sowie ├╝ber Gewissensbisse und Todesangst miteinander reden.

In sehr ruhigen Szenenwechseln f├╝hrt er zu der Erkenntnis, dass das alles h├Ątte nicht so kommen d├╝rfen. Gleichzeitig orientiert er sich an der Zeit um 1890, als Frank Wedekind mit diesem Werk so ber├╝hmt wie von der Zensur verfolgt wurde. Als “unerh├Ârte Unfl├Ątigkeit” hatte “Fr├╝hlings Erwachen” bis 1906 keine Chance, an einer B├╝hne aufgef├╝hrt zu werden. Heute wirken die Borniertheiten und Pr├╝derien der Erzieher, allen voran die falsche Scham von Wendlas Mutter ziemlich angestaubt und l├Ącherlich. Die m├Ąnnliche ├ťberheblichkeit und das Pathos an der Schule h├Ątten noch mehr ins Groteske gezogen werden k├Ânnen.

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Getragen wird das St├╝ck besonders von den jugendlichen “Helden”. Kathrin M├╝ller spielt konsequent naiv die junge Wendla, die die Antworten, wenn nicht bei der betulichen Mutter (Karin Schmurr), mit leider verheerenden Folgen bei ihresgleichen holt. Oliver Kalkbrenner spielt Melchior als gefestigten Jugendlichen, der selbstbewusst und vern├╝nftig seinem besten Freund Moritz Hilfe anbietet. Dass gerade diese gutgemeinte Zuwendung Moritz in noch tiefere Verzweiflung st├╝rzt, liegt an den verst├Ąndnislosen Eltern und Lehrern, die in ihren unterschiedlichen Schrulligkeiten das Gesellschaftsbild um die Jahrhundertwende spiegeln. So scheitert beispielsweise Folke Wolff als Melchiors liberale und kluge Mutter schon an ihrem konservativen Ehemann (Andreas Tusche). Am dankbarsten ist die Rolle des Moritz Stiefel, in der Leif Schmitt meist als v├Âllig ├╝berforderter Junge mit eingezogenen Schultern auf der B├╝hne gr├╝belt. Zu schauspielerischer Gr├Â├če w├Ąchst er als Tod heran, wo er teuflisch verf├╝hrerisch von der Erb├Ąrmlichkeit des Lebens plaudert, als w├Ąre es eine Rache an dem, was man ihm verg├Ânnt hat. Zum Gl├╝ck gibt es Stephanie Frick, die erst als lebensfrohe Ilse und zuletzt als vermummte Frau beweist, wie sch├Ân und unbeschwert das Leben im Gegensatz zum Tod sein kann.